Erbkrankheiten beim Hund: Welche gibt es und wie entstehen sie?

Genetisch bedingte Krankheiten sind nicht nur beim Menschen, sondern auch bei Hunden ein wichtiges Thema: Über 800 verschiedene Hundekrankheiten mit genetischem Hintergrund sind bereits bekannt. Fast alle Erbkrankheiten beim Hund haben ihren Ursprung in nicht sachgemäßer Vermehrung oder in Zuchten, die sich rein auf optische Merkmale konzentrieren.

Erbkrankheiten beim Hund
Erbkrankheiten bei Hunden werden entweder rezessiv oder dominant vererbt - Pixabay

Wie funktioniert die Vererbung von Krankheiten bei Hunden?

Zeugen zwei Tiere (oder Menschen) Nachwuchs, tragen die Nachkommen jeweils zur einen Hälfte das Erbgut ihrer Mutter und zur anderen das ihres Vaters in sich. Die Erbinformationen befinden sich in einer Vielzahl von Genen, die auf den sogenannten Chromosomen sitzen. Jede Zelle enthält einen doppelten Chromosomensatz: Einen vom Vater und einen von der Mutter. Bei der Weitergabe von Merkmalen wird zwischen der rezessiven und der dominanten Vererbung unterschieden.

Rezessive Vererbung

Die meisten Erbkrankheiten werden rezessiv vererbt. Dies bedeutet, dass das betroffene Gen seinem Pendant, das vom jeweils anderen Elternteil stammt, unterlegen ist und seine Effekte klinisch nicht zutage treten. In diesem Fall ist ein Großteil der Nachkommen gesund.

Dies hat den folgenden Hintergrund: Ist ein Gen auf einem der Chromosomen beschädigt, wird dieses Defizit durch das analoge, gesunde Gen auf dem zweiten Chromosom ausgeglichen. Nur wenn beide Gene, das des Vaters und das der Mutter, den entsprechenden Defekt aufweisen sollten, zeigt sich die jeweilige Krankheit bei den Nachkommen.

Anderenfalls sind sie klinisch gesund, tragen das defekte Gen aber dennoch in sich und vererben es ihrerseits mit einem 50-prozentigen Risiko an die nächste Generation. Werden zwei Tiere miteinander verpaart, die zwar gesund sind, aber jeweils ein defektes Gen in sich tragen, erben durchschnittlich 25 Prozent der Nachkommen beide defekte Gene und erkranken somit klinisch.

Dominante Vererbung

Bei der dominanten Vererbung einer Krankheit setzt sich das defekte Gen gegenüber seinem „Partnergen" durch. Dies führt dazu, dass Individuen, die das Merkmal in sich tragen, zwangsläufig erkranken oder die entsprechende Krankheitsneigung aufweisen. Auch dann, wenn das Gen ihres zweiten Elternteils unbeschädigt ist.

Werden solche Tiere zur Zucht eingesetzt, geben sie mit 50-prozentigem Risiko das defekte Gen weiter, welches wiederum das gesunde Gen des anderen Elternteils unterdrückt. Dadurch sind 50 Prozent der Nachkommen klinisch betroffen.

Häufige Erbkrankheiten des Hundes

Die meisten genetisch bedingten Krankheiten äußern sich in Form von Missbildungen oder Stoffwechselstörungen. Auch bestimmte Krebsarten besitzen eine erbliche Komponente. Bei einigen Krankheiten, beispielsweise der idiopathischen Epilepsie des Hundes, wurden die verantwortlichen Gene bislang nicht identifiziert, obwohl von einer genetischen Ursache ausgegangen werden muss.

Einige Erbkrankheiten führen nicht zwingend zu Beschwerden, erhöhen jedoch die Anfälligkeit des Hundes gegenüber einer bestimmten Krankheit oder Verletzung. Der Fachbegriff dafür lautet Prädisposition. Ist eine komplette Rasse von einer Krankheitsneigung betroffen, spricht man von einer Rassedisposition. Die folgende Übersicht stellt einige häufige Erbkrankheiten des Hundes vor.

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Atemtrakt

  • Brachyzephales Atemwegssyndrom: Missbildung der Nasenmuscheln und überlanges Gaumensegel, wodurch die Atmung beeinträchtigt wird
  • Nasale Parakeratose: Austrocknung der Nase
  • Trachealkollaps: Erweichung der Knorpelspangen der Luftröhre, wodurch diese spontan kollabiert und es zu schwerer Atemnot kommt

Augen

  • Progressive Retinaatrophie: Absterben der Netzhaut bis zur Erblindung
  • Erbliche Katarakt: Grauer Star, der zur Erblindung führt

Bauchspeicheldrüse

  • Diabetes mellitus: Zuckerkrankheit
  • Exokrine Pankreasinsuffizienz: Gestörte Produktion von Verdauungsenzymen

Herz

  • Aortenstenose:  Verengung der Hauptschlagader
  • Dilatative Kardiomyopathie: Herzmuskelerkrankung mit der Folge einer Herzschwäche

Immunsystem

  • Atopische Dermatitis: Umweltallergie mit massiven Hautsymptomen
  • Lupus erythematodes: Entzündungsreaktionen in verschiedenen Organen
  • Hämolytische Anämie: Zerstörung der Blutzellen durch das Immunsystem

Skelettsystem

  • Hüftdysplasie  (HD): Fehlstellung des Hüftgelenks, die zu Arthrose führt
  • Ellbogendysplasie (ED): Fehlstellung des Ellbogengelenks, die zu Arthrose führt
  • Cauda equina Syndrom: Bandscheibenmissbildung, die das Rückenmark schädigt und zu Lähmungen führt
  • Kniegelenksfehlstellung: Instabilität des Kniegelenks, die zu einem wiederholten Auskugeln der Kniescheibe führt

Zentralnervensystem

  • Idiopathische Epilepsie: Signalstörungen im Gehirn, die zu spontanen Krampfanfällen führen
  • Degenerative Myelopathie: Rückbildung des Rückenmarks im Brust- und Lendenbereich
  • Narkolepsie: Anfallartiges Einschlafen

Krebserkrankungen

  • Hämangiosarkom: Krebserkrankung der Gefäßwände, die vor allem im Herzen, in der Leber und in der Milz auftritt
  • Mammakarzinom: bösartiger Tumor der Gesäugeleiste
  • Melanom: bösartiger Tumor der Haut

Sonstige

  • MDR-1-Defekt: Schädigung der Blut-Hirn-Schranke, durch die bestimmte Substanzen (zum Beispiel das Entwurmungsmittel Ivermectin und einige Narkosemittel) aus dem Blut ins Gehirn übertreten und massive Vergiftungserscheinungen auslösen können
  • Von-Willebrand-Krankheit (vWD): Fehlen eines Gerinnungsfaktors, woraus eine massive Blutungsneigung resultiert
  • Portosystemischer Shunt: Abnorme Gefäßverbindungen im Bauchraum, durch welche die Leber umgangen wird und ihre Entgiftungsfunktion beeinträchtigt wird
  • Kryptorchismus: Ausbleibender Hodenabstieg im Welpenalter
  • Dermoidsinus: Gestörte Hautbarriere, die häufig zu Infektionen des Zentralnervensystems führt

Wie lassen sich Erbkrankheiten beim Hund verhindern?

Die wichtigste Maßnahme, die Erbkrankheiten in der Hundepopulation Schritt für Schritt zurückzudrängen, besteht in einer verantwortungsvollen Hundezucht. Die Verpaarung von Hunden sollte ausnahmslos Züchtern vorbehalten sein, die über einen umfangreichen Wissensschatz zu den Themen Erbkrankheiten und Vererbungsmechanismen verfügen.

Dank moderner tiermedizinischer DNA-Tests können Hunde mittlerweile auf diverse Krankheiten mit genetischer Komponente untersucht werden. Zwei Tiere sollten erst miteinander verpaart werden, nachdem die relevantesten Erbkrankheiten für die jeweilige Rasse per Bluttest ausgeschlossen wurden. Wird bei einem Hund ein Gendefekt diagnostiziert, müssen seine Vorfahren und Nachkommen gegebenenfalls aus der Zucht genommen werden.

Herausgegeben von

Martin Walter