Das Wichtigste in Kürze (TL;DR):
- Die Nickhaut, auch drittes Augenlid genannt, schützt und befeuchtet das Hundeauge.
- Ein Nickhautvorfall (Cherry Eye) tritt vor allem bei Junghunden und bestimmten Rassen auf, eine Verfärbung oder Schwellung kann dagegen auf ein Nickhautplasmom hindeuten.
- Die Behandlung richtet sich nach der Ursache und sollte immer zeitnah beim Tierarzt abgeklärt werden.
Was ist die Nickhaut beim Hund?
Die Nickhaut ist eine anatomische Struktur, die bei vielen Tieren vorkommt – auch beim Hund. Sie sitzt im inneren Augenwinkel zwischen Unterlid und Augapfel, besteht aus dünnem Bindegewebe und ist von Bindehaut überzogen. In ihr steckt außerdem eine Drüse, die Nickhautdrüse, die einen großen Teil der Tränenflüssigkeit produziert – bis zu 30 bis 40 % der gesamten Tränenmenge. Eine echte Hardersche Drüse, wie sie bei Nagetieren oder Kaninchen vorkommt, besitzt der Hund übrigens nicht.
Eine britische Auswertung tierärztlicher Praxisdaten zeigt, dass rund 0,2 % der Hunde in tierärztlicher Erstversorgung von einem Nickhautdrüsenvorfall betroffen sind, wobei fast 80 % der Cherry-Eye-Fälle bei Hunden unter einem Jahr diagnostiziert werden. Einen Überblick über weitere häufige Augenkrankheiten beim Hund finden Sie in unserem Ratgeber.
Ist eine sichtbare Nickhaut beim Hund normal?
Im Ruhezustand ist die Nickhaut normalerweise nicht zu sehen. Sie legt sich passiv über das Auge, sobald sich der Augapfel in die Augenhöhle zurückzieht – etwa bei Schmerzen, einem Trauma oder im Schlaf.
Bei manchen Hunden, vor allem bei jungen Tieren oder Rassen mit entsprechender Veranlagung, rutscht die Nickhautdrüse aus ihrer gewohnten Position. Dieses Phänomen kennt man als Cherry Eye beim Hund (Kirschauge). Schmerzhaft ist das nicht zwangsläufig, tierärztlich abklären sollten Sie es trotzdem, denn es können chronische Reizungen oder ein Tränenflüssigkeitsdefizit entstehen.

Welche Farbe hat ein gesundes Augenlid – und was bedeutet eine Verfärbung?
Eine gesunde Nickhaut ist meist blass-rosa, ihr freier Rand ist bei vielen Hunden dunkel pigmentiert. Verändert sich die Farbe, lohnt sich ein genauerer Blick:
- Rötung deutet meist auf eine Reizung oder Entzündung hin, etwa durch einen Fremdkörper oder eine Bindehautentzündung.
- Auffallende Blässe kann auf Blutarmut oder Kreislaufprobleme hinweisen und gehört zeitnah tierärztlich abgeklärt.
- Gelbfärbung ist ein möglicher Hinweis auf eine Lebererkrankung.
- Verlust der dunklen Pigmentierung am Nickhautrand, oft kombiniert mit Schwellung, ist typisch für ein Nickhautplasmom.
Warum wird bei sichtbarer Nickhaut oft eine Wurmkur empfohlen?
Wird die Nickhaut plötzlich an beiden Augen sichtbarer, empfehlen Tierärzte manchmal eine Wurmkur, da dies ein indirektes Anzeichen für einen stärkeren Parasitenbefall sein kann – etwa durch Gewichtsverlust und Abbau von Fettgewebe hinter dem Augapfel. Ein eindeutiges Zeichen ist das nicht, aber bei jungen, abgemagerten Hunden mit auffälligem Kot ist eine Wurmkur oft die erste Maßnahme.
Rote Augen wegen der Nickhaut?
Am häufigsten steckt ein Nickhautdrüsenvorfall dahinter, besser bekannt als „Cherry Eye“ oder „Kirschauge“. Dabei rutscht die an der Basis der Nickhaut liegende Tränendrüse aus ihrer normalen Position und bildet eine rote, runde, geschwollene Masse im inneren Augenwinkel. Betroffen sind vor allem Junghunde und Rassen wie Bulldogge, Cocker oder Beagle.
Es gibt aber auch andere Auslöser: eine Bindehautentzündung beim Hund, ein Fremdkörper unter der Nickhaut wie eine Grasähre, ein Trauma oder eine lokale Infektion. Auch Allergien oder ein Hornhautulkus können das Auge reizen.
Expertenzitat: „Der Nickhautdrüsenvorfall (PNMG) ist die häufigste Erkrankung des dritten Augenlids beim Hund.“ –(O’Neill et al., 2022)
Nickhautplasmom beim Hund: geschwollene Augen

Neben dem Cherry Eye gibt es eine zweite, deutlich seltenere Nickhauterkrankung, die speziell beim Deutschen Schäferhund und beim Collie auftritt: das Nickhautplasmom, auch lymphoplasmazelluläre Infiltration der Nickhäute genannt. Dabei handelt es sich um eine Autoimmunerkrankung, die oft im Rahmen der sogenannten Schäferhundkeratitis (Pannus) vorkommt – einer chronischen Entzündung, die neben der Nickhaut auch die Hornhaut betreffen kann.
Typisch sind eine höckrige Verdickung und Schwellung des Nickhautrands sowie der Verlust seiner dunklen Pigmentierung – der Rand wirkt entfärbt und zeigt teils rötlich-bläuliche Flecken. Sonnenlicht kann die Symptome verschlimmern, weshalb betroffene Hunde von intensiver UV-Strahlung ferngehalten werden sollten. Eine Heilung ist nicht möglich: Behandelt wird lebenslang mit immunsuppressiven Augensalben (Wirkstoffe wie Ciclosporin oder Tacrolimus), die das Fortschreiten meist gut kontrollieren. In hartnäckigen Fällen kommt alternativ die operative Entfernung des betroffenen Nickhautrands infrage.
Wie wird eine entzündete Nickhaut behandelt?
Ist die Nickhaut wegen einer Bindehautentzündung, eines Fremdkörpers, einer Allergie oder Infektion gerötet und entzündet – ein Symptombild wie bei anderen Ursachen für rote Augen beim Hund –, helfen meist entzündungshemmende oder antibiotische Augentropfen. Bei einem Trauma reicht die Behandlung von lokalen Maßnahmen bis zur Operation; besteht Tumorverdacht, folgt meist eine Biopsie oder operative Entfernung.
Tipp von Santévet: Finger weg von frei verkäuflichen Mitteln zur Selbstbehandlung – das Auge ist ein hochsensibles Organ, und eine falsche Behandlung kann alles noch schlimmer machen. Mit einer zügigen, gezielten tierärztlichen Versorgung heilt die Sache in aller Regel gut aus.
Wie wird ein Nickhautdrüsenvorfall (Cherry Eye) beim Hund behandelt?
Mit Augentropfen allein lässt sich ein Cherry Eye nicht dauerhaft lösen. Die gängigste Lösung ist eine Operation: Der Tierarzt bringt die Drüse mit einer Fixationstechnik – etwa der Morgan-Pocket-Technik – wieder an ihren Ursprungsort. Komplett entfernt werden sollte sie nicht, da sie an der Tränenproduktion beteiligt ist; eine Entfernung würde das Risiko für ein trockenes Auge (Keratokonjunktivitis sicca) deutlich erhöhen.
Ein Fallbericht aus Österreich zeigt den Ablauf: Ein neun Monate alter Neufundländerrüde wurde komplikationslos mit der Morgan-Pocket-Technik operiert und bekam anschließend einen Schutzkragen sowie befristet Augentropfen und ein Schmerzmittel. Die Komplikationsrate gilt insgesamt als gering, wobei bei großwüchsigen Rassen ein etwas erhöhtes Rückfallrisiko beschrieben wird (Hebenstreit, 2023).
Kosten für eine Cherry-Eye-OP beim Hund
Hier eine grobe Orientierung, was ein chirurgischer Eingriff bei einem Nickhautdrüsenvorfall kosten kann:
| Leistung | Kostenspanne (€) | Anmerkung |
| Voruntersuchung | 40–80 | Augenuntersuchung, Diagnose, Kostenvoranschlag |
| Operation (Reposition der Drüse) | 200–500 | abhängig von Technik, Praxis und Region |
| Vollnarkose | 60–150 | abhängig von Gewicht und Gesundheitszustand |
| Nachbehandlungsmedikamente | 30–80 | Augentropfen, Entzündungshemmer, ggf. Antibiotika |
| Nachkontrolle (1–2 Termine) | 30–60 pro Termin | zur Kontrolle der Wundheilung |
| Gesamtkosten (geschätzt) | 360–870 | je nach Praxis und individuellem Verlauf |
Sind beide Augen betroffen, fällt entsprechend mehr an, ebenso bei Komplikationen wie Rückfall oder Infektion.
Kann man die Nickhaut beim Hund selbst zurückschieben?
Lassen Sie lieber die Finger davon, die Nickhaut selbst zurückzuschieben – damit können Sie die Situation verschlimmern oder Ihrem Hund wehtun. Gehen Sie stattdessen so vor:
- Prüfen Sie, ob die Veränderung an einem oder beiden Augen auftritt und ob weitere Symptome wie Tränenfluss oder Ausfluss dazukommen.
- Verzichten Sie auf jede Form der Selbstbehandlung oder manuellen Reposition.
- Vereinbaren Sie zeitnah einen Termin bei der Tierärztin oder dem Tierarzt.
- Halten Sie nach einer möglichen Operation Rücksprache zu Nachsorge und Kontrollterminen.
Auch wenn sie oft unbemerkt bleibt: Die Nickhaut spielt eine wichtige Rolle für die Augengesundheit Ihres Hundes. Wird sie sichtbar, rot, geschwollen oder verfärbt, steckt meist ein Ungleichgewicht dahinter, wie auch bei einem Glaukom beim Hund. Eine tierärztliche Untersuchung schafft Klarheit und führt zur passenden Behandlung.
Häufig gestellte Fragen
Akut gefährlich ist ein Nickhautvorfall meist nicht, behandeln sollten Sie ihn trotzdem zeitnah. Unbehandelt kann er zu chronischen Reizungen, Bindehautentzündungen oder einem trockenen Auge führen.
Von allein bildet sich ein echter Nickhautdrüsenvorfall in der Regel nicht zurück. Eine dauerhafte Lösung bringt meist nur die chirurgische Reposition der Drüse.
Ist die Nickhaut sichtbar, gerötet oder geschwollen, sollten Sie zeitnah zur Tierärztin oder zum Tierarzt gehen. Von Selbstbehandlung oder manueller Reposition raten wir ausdrücklich ab.
Nein, das Nickhautplasmom lässt sich nicht heilen, aber mit einer lebenslangen Therapie aus immunsuppressiven Augensalben meist gut kontrollieren. Ohne Behandlung schreitet die Entzündung weiter fort.
Hinweis: Die Inhalte dieses Artikels dienen nur der allgemeinen Information und ersetzen keine Untersuchung oder Beratung durch einen Tierarzt.
Quellen:
O’Neill DG, Yin Y, Tetas Pont R, Brodbelt DC, Church DB, Pegram C, Mustikka M. Breed and conformational predispositions for prolapsed nictitating membrane gland (PNMG) in dogs in the UK: A VetCompass study. PLoS ONE. 2022;17(1):e0260538. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0260538
O’Neill DG, Lee MM, Brodbelt DC, Church DB, Sanchez RF. Epidemiology of prolapsed nictitans gland (cherry eye) in dogs under primary veterinary care in England. Canine Med Genet. 2021;8(1):5.
Hebenstreit L. „Cherry Eye“ – Nickhautdrüsenvorfall bei einem 9 Monate alten Neufundländerrüden. Wiener Tierärztliche Monatsschrift – Veterinary Medicine Austria 110 (2023).
Santévet
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