Was ist die degenerative Myelopathie beim Hund?
Bei der degenerativen Myelopathie des Hundes baut sich die Myelinscheide ab – also die Schutzhülle, die die Nervenfasern im Rückenmark umgibt. Dadurch werden die Signale zwischen Gehirn und Muskulatur immer schlechter weitergeleitet, und die Nervenzellen verkümmern. Die Läsionen treten zuerst im Brust- und Lendenbereich des Rückenmarks auf und breiten sich im Verlauf der Krankheit weiter aus.
Tiermediziner vergleichen das Krankheitsbild häufig mit der Amyotrophic Lateral Sclerosis (ALS) beim Menschen. Die Erkrankung beginnt meist schleichend nach dem 8. Lebensjahr, bei einigen prädisponierten Rassen auch früher. Ein Gentest auf eine Mutation im SOD1-Gen erlaubt heute eine zuverlässige Verdachtsdiagnose.
Ursachen und Vererbung: Wie entsteht die DM beim Hund?
Die degenerative Myelopathie ist eine erblich bedingte Erkrankung. Verantwortlich ist eine Mutation im SOD1-Gen, das den Bauplan für das Enzym Superoxid-Dismutase liefert. Dieses Enzym schützt Nervenzellen normalerweise vor schädlichen freien Radikalen. Ist es defekt, sammeln sich Stoffwechselprodukte an und verursachen Läsionen im Rückenmark.
Die Rolle der Inzucht
Wiederholte Verpaarungen verwandter Hunde erhöhen das Risiko, dass die Genmutation an die Nachkommen weitergegeben wird. Besonders deutlich zeigt sich der Effekt bei stark selektierten Rassen: Studien an Deutschen Schäferhunden weisen darauf hin, dass eine geringe genetische Vielfalt die Verbreitung des defekten Gens begünstigt hat. Eine durchdachte Zuchtplanung ist daher zentral, um die Häufigkeit der Erkrankung in den nächsten Generationen zu senken.
Gentest: frei, Träger oder betroffen?
Mit einem Gentest auf die SOD1-Mutation lassen sich heute drei genetische Befunde unterscheiden:
- Frei (N/N): Der Hund trägt zwei gesunde Genkopien und erkrankt nicht an einer DM.
- Träger (N/DM): Der Hund hat eine gesunde und eine mutierte Genkopie. Er bleibt selbst gesund, gibt das defekte Gen aber an rund 50 % seiner Welpen weiter.
- Betroffen (DM/DM): Der Hund trägt zwei mutierte Kopien und entwickelt mit hoher Wahrscheinlichkeit klinische Symptome.
Diese Unterscheidung ist vor allem für die Zucht wichtig: Ein Träger sollte ausschließlich mit einem freien Tier verpaart werden, damit keine betroffenen Welpen entstehen.
Welche großen Hunderassen sind besonders betroffen?
Theoretisch kann jeder Hund eine DM entwickeln, doch bei bestimmten großen Hunderassen ist die Erkrankung deutlich häufiger. Zu den am stärksten betroffenen Rassen gehören:
- Deutscher Schäferhund: Eine der typischen neurologischen Erkrankungen dieser Rasse, vor allem ab 8 Jahren.
- Pembroke Welsh Corgi: Trotz seiner geringen Größe gehört der Pembroke Welsh Corgi zu den Hochrisikorassen, ähnlich wie sein walisischer Verwandter Cardigan Welsh Corgi.
- Golden Retriever: Seltener als beim Schäferhund, aber regelmäßig bei älteren Tieren beschrieben.
- Labrador Retriever: Vor allem ältere Labradore können eine DM entwickeln.
- Cavalier King Charles Spaniel: Bei dieser kleineren Rasse ist die DM seltener, aber gut dokumentiert.
- Boxer: Boxer sind generell anfällig für neurologische Erkrankungen, darunter auch die DM.
- Chesapeake Bay Retriever: Eine weitere Retrieverrasse mit erhöhtem Risiko im Seniorenalter.
- Berner Sennenhund, Rhodesian Ridgeback und Sibirische Husky: Auch diese großen Hunderassen werden in der aktuellen Literatur als Risikorassen geführt.

Symptome der degenerativen Myelopathie beim Hund
Wie äußert sich die degenerative Myelopathie beim Hund?
Das Auftreten der ersten Symptome ist meist schleichend. Halter:innen bemerken oft, dass ihr Hund mit den Hinterläufen schleift, die Krallen ungleichmäßig abnutzt oder beim Aufstehen länger braucht als gewohnt. Im weiteren Verlauf werden die Lähmungserscheinungen deutlicher.
Typische Anzeichen sind:
- Wackelige, unsichere Hinterhand und schwankender Gang (Ataxie)
- Schleifen der Hinterpfoten und abgewetzte Krallen
- Falsches Auffußen, gekreuzte Hinterläufe
- Schwierigkeiten beim Aufstehen, Treppensteigen oder Einsteigen ins Auto
- Sichtbarer Muskelabbau an der Hinterhand
- Häufige Stürze, vor allem auf glatten Böden wie Fliesen oder Laminat
Neurologische Ausfälle an den Hinterbeinen
Die Erkrankung beginnt klassischerweise mit neurologischen Ausfällen an den Hinterbeinen. Der Hund verliert nach und nach das Gefühl für die Lage seiner Pfoten (Propriozeption) und stolpert über die eigenen Beine. Bewegungen wirken unkoordiniert, schnelle Richtungswechsel fallen schwer.
Im Lendenbereich treten häufig Verspannungen und Verkrampfungen auf, weil das Tier die Schwäche der Hinterhand mit anderen Muskelgruppen kompensiert. Auch Gleichgewichtsstörungen sind in dieser Phase typisch.
Inkontinenz und Endstadium
In einem späteren Stadium versagen die Nerven, die Blase und Mastdarm steuern. Erste Anzeichen sind nächtliche Urinflecken auf dem Liegeplatz; später verlieren betroffene Hunde die Kontrolle über Harn- und Kotabsatz vollständig. Da der Urin nicht mehr restlos abgeht, sind Harnwegsinfektionen leider häufig und müssen tierärztlich behandelt werden.
Im Endstadium weiten sich die neurologischen Ausfälle bis auf die Vorderbeine aus. Der Hund kann sich dann nicht mehr selbstständig fortbewegen, und auch die Atemmuskulatur kann betroffen sein.
Ist die degenerative Myelopathie für einen Hund schmerzhaft?
Die degenerative Myelopathie selbst gilt als nicht schmerzhaft, da die geschädigten Nervenbahnen Schmerzreize nicht stärker weiterleiten. Allerdings entstehen häufig sekundäre Muskelschmerzen, weil der Hund seine Hinterhand kompensiert und Gelenke einseitig belastet. Hier helfen Physiotherapie, Wärmeanwendungen und angepasste Hilfsmittel.
Wie schnell schreitet die degenerative Myelopathie beim Hund voran?
Der Verlauf ist von Hund zu Hund unterschiedlich. In den meisten Fällen vergehen vom Beginn der Symptomatik bis zur vollständigen Lähmung der Hinterhand etwa 6 bis 12 Monate. Bis sich die Erkrankung auf die Vorderbeine ausweitet und das Endstadium erreicht wird, kann ein weiteres halbes bis ganzes Jahr vergehen. Die Lebenserwartung nach Diagnosestellung liegt damit meist zwischen 12 und 18 Monaten.
Diagnose: Wie wird die DM beim Hund festgestellt?
Die Diagnose der degenerativen Myelopathie ist eine Ausschlussdiagnose. Andere Erkrankungen mit ähnlichen Symptomen – allen voran ein Bandscheibenvorfall oder eine degenerative lumbosakrale Stenose – müssen zuerst durch geeignete bildgebende Verfahren ausgeschlossen werden. Die Befunde aus MRT, Liquoruntersuchung und Gentest werden anschließend gemeinsam interpretiert.

Bildgebende Verfahren: Die Rolle des MRT
Die Magnetresonanztomographie (MRT) ist das wichtigste bildgebende Verfahren in der Neurologie. Sie liefert dreidimensionale Aufnahmen des Rückenmarks und zeigt, ob eine Kompression der Nerven durch einen Bandscheibenvorfall, einen Tumor oder andere Läsionen vorliegt. Die Untersuchung dauert rund 45 Minuten und erfordert eine Vollnarkose. Tierärzt:innen analysieren dabei besonders den thorakolumbalen Übergang – dort treten die ersten Läsionen einer DM auf.
Tipp von Santévet: Ein MRT beim Hund kostet inklusive Narkose und Vorbereitung schnell zwischen 700 € und 1.500 €. Mit der Hundekrankenversicherung von Santévet werden Ihre Tierarztkosten je nach Tarif bis zu 90 % erstattet – bildgebende Verfahren, Operationen und Physiotherapie inklusive.
Ergänzend zur Bildgebung kann eine Untersuchung der Rückenmarksflüssigkeit (Liquoranalyse) eine entzündliche Erkrankung wie eine Meningomyelitis ausschließen.
Gentest auf das SOD1-Gen
Der Gentest auf die SOD1-Mutation ist der zweite Pfeiler der Diagnostik. Für die Untersuchung genügt ein einfacher Wangenabstrich oder eine Blutprobe, die ein spezialisiertes Labor analysiert. Die Ergebnisse liegen meist innerhalb von 7 bis 14 Tagen vor. Die Kosten liegen je nach Labor zwischen 60 und 100 €.
Wichtig: Ein positives Ergebnis bestätigt nicht automatisch die Erkrankung, denn nicht jeder genetisch betroffene Hund entwickelt klinische Symptome. Erst die Kombination aus typischem klinischem Bild, unauffälligem MRT und positivem Gentest macht die Diagnose hochwahrscheinlich.
Therapie: Wie wird die degenerative Myelopathie beim Hund behandelt?
Eine ursächliche Therapie gibt es bislang nicht. Ziel jeder Behandlung ist es, die Lebensqualität so lange wie möglich zu erhalten und das Fortschreiten der Symptome hinauszuzögern.
Physiotherapie als zentrale Säule
Regelmäßige Physiotherapie ist die wichtigste unterstützende Maßnahme bei einer DM. Gezielte Übungen kräftigen die noch funktionsfähige Muskulatur, erhalten die Beweglichkeit der Gelenke und beugen Kontrakturen vor. Praxiserfahrungen zeigen, dass aktiv betreute Hunde im Schnitt deutlich länger mobil bleiben als Tiere ohne physiotherapeutische Begleitung. Zum Repertoire gehören:
- Massagen und passive Bewegungen
- Unterwasserlaufband zur muskelschonenden Aktivierung
- Gezielte Steh- und Balanceübungen
- Wärmeanwendungen für verspannte Muskulatur
Auch Akupunktur und Homöopathie werden häufig nachgefragt; belastbare Studien zur Wirksamkeit fehlen bislang, einige Halter:innen berichten jedoch von positiven eigenen Erfahrungen.
Hilfsmittel für den Alltag
Mit dem Fortschreiten der Erkrankung erleichtern verschiedene Hilfsmittel den Alltag deutlich:
- Tragehilfe oder Geschirr: Ein Bauchgurt unterstützt die Hinterhand beim Aufstehen, Treppensteigen und auf Spaziergängen.
- Anti-Rutsch-Schuhe: Sie schützen die Pfoten vor Abschürfungen durch das Schleifen.
- Hunderollstuhl: Im fortgeschrittenen Stadium gibt ein angepasster Rollwagen dem Hund Bewegungsfreiheit zurück, während die Vorderbeine frei bleiben.
- Anti-Rutsch-Teppiche und Rampen zu Hause: Sie machen den Alltag auf Fliesen oder Laminat deutlich sicherer.
Wann sollte man einen Hund mit degenerativer Myelopathie einschläfern?
Die Frage nach dem richtigen Zeitpunkt zum Einschläfern gehört zu den schwersten Entscheidungen im Verlauf der Erkrankung. Maßgeblich ist nicht das Stadium der Lähmung, sondern die Lebensqualität: Kann der Hund noch selbstständig fressen und trinken? Wirkt er aufmerksam und an seiner Umgebung interessiert? Leidet er unter chronischen Schmerzen, wiederkehrenden Harnwegsinfekten oder Atemnot?
Spätestens wenn die Lähmung auch die Vorderbeine erfasst oder die Atemmuskulatur betroffen ist, geht die Prognose gegen null. Viele Tierärzt:innen empfehlen, gemeinsam mit der Familie einen sogenannten „Lebensqualitäts-Score“ zu führen, um den Verlauf objektiv einschätzen zu können. Die endgültige Entscheidung trifft jeder Halter individuell, mit fachlicher Begleitung durch das Tierarzt-Team. Die Kosten für eine Euthanasie liegen zwischen 100 € und 250 €.
Tierarztkosten und Versicherungsschutz
Die Diagnostik und Begleitung einer degenerativen Myelopathie kann hohe Kosten verursachen: Ein neurologisches MRT inklusive Narkose liegt häufig zwischen 700 € und 1.500 €, hinzu kommen Gentest, regelmäßige Physiotherapie sowie gegebenenfalls ein individuell angepasster Hunderollstuhl. Über mehrere Monate summieren sich die Tierarztkosten schnell auf vierstellige Beträge.
Mit der Hundekrankenversicherung von Santévet werden Ihre Tierarztkosten bei Krankheit und Unfall je nach Tarif bis zu 90 % erstattet – bildgebende Verfahren, Operationen, alternative Heilmethoden und Physiotherapie inklusive. Einmal versichert, bleibt Ihr Hund ein Leben lang durch die Santévet-Leistungen abgesichert.
Die degenerative Myelopathie beim Hund ist eine ernste neurologische Erkrankung, die vor allem ältere Tiere großer Hunderassen betrifft. Auch wenn eine Heilung bislang nicht möglich ist, können Sie das Leben Ihres Hundes mit früher Diagnose, konsequenter Physiotherapie, passenden Hilfsmitteln und einer guten Absicherung spürbar verbessern.
Santévet — Spezialist für Tierkrankenversicherungen seit 2003
Quellen:
- Coates J.R., Wininger F.A. (2010): „Canine Degenerative Myelopathy“, J Vet Intern Med
- Awano T. et al. (2009): „Genome-wide association analysis reveals a SOD1 mutation in canine degenerative myelopathy that resembles amyotrophic lateral sclerosis“, Proc Natl Acad Sci
- Tipold A., Stein V.M.: „Lehrbuch der Kleintierneurologie“
- Lorenz M.D., Kornegay J.N.: „Handbook of Veterinary Neurology“